Noch 10 Tage bis zur Weltk­limagipfel: Dieses Jahr kön­nte als das wärm­ste seit Beginn der Tem­per­at­u­raufze­ich­nung in die Men­schheits­geschichte einge­hen.

Es ist rel­a­tiv wahrschein­lich, dass wir in diesem Jahr einen neuen Tem­per­atur­reko­rd erleben wer­den”, sagt Ste­fan Rahm­storf. Der Pro­fes­sor war ein­er der Leitau­toren des 4. IPCC-Bericht­es. Am Pots­dam-Insti­tut für Kli­mafol­gen­forschung unter­sucht er die Rolle der Meer­esströ­mungen bei Kli­maverän­derun­gen. Rahm­storf ist Mit­glied des Wis­senschaftlichen Beirates der Bun­desregierung, für die Web­site wissenlogs.de kom­men­tiert und analysiert Rahm­storf die inter­na­tionale Klimapoli­tik.

951pre_f24cb355fa65a03

Das Jahr 2010 steuert auf einen neuen Tem­per­atur­reko­rd zu. (Tabelle: Rahm­storf)

 

Ste­fan Rahm­storf ist also ein exzel­len­ter Gesprächspart­ner, wenn es darum geht, den Stand der Kli­mawis­senschaft kurz vor dem 16. Weltk­limagipfel in Can­cún zusam­men­z­u­fassen. Erste — und vielle­icht erschreck­end­ste — Botschaft: Der Weltk­li­marat IPCC hat in etlichen Punk­ten offen­bar unter­trieben. “Die tat­säch­lichen Mess­dat­en zum Schwund in der Ark­tis zeigen, dass sich der Rück­gang der Eis­massen wesentlich schneller vol­lzieht, als vom IPCC prog­nos­tiziert”, erläutert Rahm­storf.

Dem­nach wäre der von Satel­liten tat­säch­lich gemessene Eis­rück­gang drastis­ch­er, als von den Kli­mawis­senschaftlern Ende des let­zten Jahrhun­derts simuliert. Als beson­ders beängsti­gend nen­nt der Wis­senschaftler, dass spätestens seit diesem Jahr Gewis­sheit darüber herrscht, dass der Eis­panz­er auf Grön­land ange­fan­gen hat zu kol­la­bieren. Erst­mals sei deut­lich gewor­den, dass auch an der Nord­küste Grön­lands die Eiss­chmelze einge­set­zt habe. 

Das Grön­lan­deis ist bis zu 3.000 Meter dick — ein­er der größten Süßwasser­spe­ich­er der Welt. “Würde das Eis kom­plett abschmelzen, bedeutet das, dass der Meer­esspiegel um 7 Meter steigen würde”, so Rahm­storf. Das klingt gefährlich, aber die eigentliche Gefahr birgt fol­gende Erken­nt­nis der Wis­senschaft: Der Weltk­li­marat IPCC sagt, dass ab ein­er glob­alen Erwär­mung von 1,9 Grad Cel­sius im Durch­schnitt ein Totalver­lust des Grön­lan­deis­es nicht mehr zu ver­hin­dern ist. “Ein Kipp­sys­tem, das bis­lang unaufhalt­sam auf uns zu kommt”, sagt Rahm­storf: “Kli­maskep­tik­er und auch Poli­tik­er behaupten gern, der IPCC übertreibe. Ich wün­schte, sie hät­ten Recht!”

Das fehlende Eis in der Ark­tis wird neueren Erken­nt­nis­sen zur Folge dazu führen, dass die Win­ter in Deutsch­land immer käl­ter wer­den. Durch das Schmelzen des Meereis­es in der östlichen Ark­tis wer­den Luft­strö­mungen gestört, schreibt Vladimir Petoukhov vom Pots­dam Insti­tut für Kli­mafol­gen­forschung im Wis­senschaft­sjour­nal Geo­phys­i­cal Research: “Harte Win­ter wie der ver­gan­genen Jahres wider­sprechen nicht dem Bild glob­aler Erwär­mung, son­dern ver­voll­ständi­gen es eher”, sagt Petouhkov.

952pre_7d7285e7e116990

Das Abschmelzen in der Ark­tis: das blaue Band ist die Prog­nose des Weltk­li­marates, die rote Kurve zeigt die tat­säch­lichen Mess­dat­en der Satel­liten. (Grafik: Rahm­storf)

 

Schmelzen­des Eis bedeutet außer­dem einen steigen­den Meer­esspiegel. Und wenn sich die Eiss­chmelze beschle­u­nigt, dann beschle­u­nige sich auch der Pege­lanstieg. 20 Zen­time­ter liegen die Welt­meere mit­tler­weile durch­schnit­tlich über dem Niveau von 1880, zulet­zt stieg der Meer­esspiegel um mehr als 3 Mil­lime­ter pro Jahr. “Machen wir mit dem Kli­maschutz so weit­er wie derzeit,  wer­den die Pegel bis Ende des Jahrhun­derts auf über einen Meter angestiegen sein”, so Rahm­storf.

Ander­er­seits wird es wärmer, wo schon Wärme vorherrscht. Die Anzahl außer Kon­trolle ger­aten­er Wald­brände hat immer weit­er zugenom­men. “Bere­its heute erleben wir Vor­boten, die zeigen, was es bedeutet, wenn Süd- und Osteu­ropa oder Teile Nor­damerikas immer trock­en­er wer­den”, so der Kli­mawis­senschaftler. Brände wie in Rus­s­land wür­den Mitte des Jahrhun­derts All­t­ag, ein Som­mer, der heute dort als heiß gilt, werde dann in der Kat­e­go­ry “kühl” einzustufen sein.

Die Wald­brände in Rus­s­land, die Fluten in Pak­istan oder Nordin­di­en, neue Fünf-B-Wet­ter­la­gen in Deutsch­land, Tor­na­dos in Hes­sen, Bran­den­burg und auf Use­dom, 2010 kön­nte zudem als das Jahr der Extremwet­ter-Ereignisse in die Annalen einge­hen. “Die Folge nie dagewe­sen­er Extremwet­ter entspricht den Prog­nosen des IPCC”, sagt der Wis­senschaftler dazu trock­en. Man könne sagen, die Zunahme der Extremwet­ter­ereignisse wäre ohne Erder­wär­mung nicht einge­treten.

Das große Ver­di­enst von Kopen­hagen war, dass die Staat­en der Welt ein gemein­sames Ziel for­muliert haben”, sagt Rahm­storf: Die Erder­wär­mung solle auf zwei Grad begren­zt wer­den. “Um unter zwei Grad zu bleiben, kön­nen bis 2050 noch etwa 700 Giga­ton­nen Kohlen­diox­id-Äquiv­a­lente aus­gestoßen wer­den”, so der Pro­fes­sor. Mit ein­er Wahrschein­lichkeit von 75 Prozent könne die Wis­senschaft garantieren, dass diese 700 Giga­ton­nen Kohlen­diox­id-Äquiv­a­lente das zwei Grad-Ziel erre­ich­bar machen.

953pre_23d142057702b76

Allerd­ings: Die Reduk­tion­sziele, zu denen sich die Staat­en auf der Kli­makon­ferenz in Kopen­hagen frei­willig verpflichtet haben, reichen nicht ein­mal für die Hälfte dieser Menge. “Kohlen­diox­id hat die unan­genehme Eigen­schaft, bis zu ein­tausend Jahre in der Atmo­sphäre mobil zu sein”, sagt der Wis­senschaftler. 

Man kön­nte es auch anders for­mulieren: Bei der derzeit­i­gen Rate der Kohlen­diox­id-Pro­duk­tion haben wir das 750 Giga­ton­nen-Kontin­gent in weniger als 10 Jahren ver­braucht. Rahm­storf: “Wir müssen also deut­lich vor 2020 eine Trendwende schaf­fen: Von jährlich steigen­den Kohlen­diox­id-Men­gen zu abso­lut sink­enden”. Das Prob­lem: Je länger wir warten, um so abrupter wird der Kur­swech­sel aus­fall­en müssen.

Quelle: klimaretter.info

 

 

 

Tagged with →