Die Debatte über EHEC in Biogasanlagen bzw. im Gärsubstrat ist eigentlich nur ein Ableger der schon seit Jahren geführten Debatte über Botulismus in Biogasanlagen bzw. im Gärsubstrat. Die Argumentation geht so: durch die Ausscheidungen insbesondere von mit Botulismus erkrankten Rindern, fehlgegärte Silagen und bei der Substraternte in den Häcksler geratenes erkranktes Wild gerate das Bakterium Clostridium botulinum bzw. dessen Sporen in Biogasanlagen, wo sie sich vermehren oder zumindest erhalten könne. Mit der Ausbringung des Gärsubstrats gelangten die Erreger bzw. deren giftige Ausscheidungen (Botulinumtoxin, vgl. Botox) auf Pflanzen, die dann in die menschliche oder tierische Ernährung gehen.

Vertreter der Botulismus-Hypothese

In einem DRadio-Wissen Interview vom Donnerstag unter dem Titel „Botulismus – krank durch Biogas“ sagt der ehemalige Göttinger Tierhygiene-Professor Helge Böhnel dies:

„Fakt ist, wir haben relativ wenig Proben auf Clostridium botulinum untersucht; in etwa einem Drittel der Fälle haben wir etwas gefunden. Dazu muß man eben sagen, daß wir von der Biogasindustrie keine Proben kriegen, die mögen uns ja nicht, und das sind Proben, die wir anonym bekommen haben von Leuten, die gesagt haben, untersucht mal, aber wir sagen Euch nicht, wo die herkommen, um nicht in Gefahr zu geraten, nicht eine Kollision mit der Biogas-Lobby zu haben.“ (Quelle: DRadio Wissen)

Ich hatte ja im Zusammenhang mit EHEC bereits naheliegend gefunden, daß Bakterien aus der Gülle (oder aus Tierkadavern) im Fermenter gute Bedingungen vorfinden, sich zu vermehren, und daher Aufklärung oder, falls noch nicht ausreichend vorhanden, Forschung vonnöten sei. Meine Motivation, einen Beitrag über Botulismus in Biogasanlagen zu schreiben, war ursprünglich die gewesen, auch hier auf Studien und Aufklärung zu dringen. Ich bin mir aber, nachdem ich mich durch die zahlreichen Pressemeldungen und Seiten zum Thema geackert habe, nicht mehr so sicher, daß diejenigen, die am lautesten auf Studien und Aufklärung dringen, nur von den hehrsten Motive getrieben sind.

Denn wenn ich dann aber eine Aussage wie die von Helge Böhnel höre, dann läuten bei mir die Alarmglocken. Man bekomme keine Proben von der „Biogas-Industrie“? Und wenn, dann anonym, weil ein namentlich bekannter Proben-Einreicher „in Gefahr geraten“ werde durch die „Biogas-Lobby“? Man braucht sich nicht auszukennen, um hinter so einer Formulierung eine Verschwörungstheorie zu vermuten. Was kann hier nicht stimmen?

  • Es gibt in Deutschland rund 6.800 Biogasanlagen, die weitaus meisten davon betrieben von Landwirten, nicht von Konzernen. Die wenigsten Landwirte bzw. Biogas-Gesellschaften betreiben mehr als eine Anlage, so daß die Zahl der potentiellen unabhängigen Ansprechpartner kaum unter 5.000 liegen dürfte. Natürlich hätte es kein Biogasanlagenbetreiber gern, wenn der Nachweis geführt würde, daß mit einem Krankheitserreger belasteter Gärrest seinen Betrieb verläßt. Jedoch ist es nicht vorstellbar, daß sich nicht ein paar hundert für eine Studie der altehrwürdigen Göttinger Universität fänden, die ja auch meine alma mater ist.
  • Gäbe es ein Komplott der privatwirtschaftlichen Biogas-Betreiber, könnten die unabhängigen Agrarforscher auf die landwirtschaftlichen Betriebe der Agrarfakultäten zurückgreifen. Diese verfügen über genug Biogasanlagen, auf denen sich ausreichend forschen ließe, um zu tragfähigen Aussagen zu kommen. Darüber hinaus scheint es mir als Tierhygiene-Laien so, als ob die Kernfrage – was wird aus Colostridium botulinum-Bakterien, die in eine Biogasanlage gelangen? – sich im Labor klären lassen müßte.
  • Die Behauptung, daß ein Biogas-Bauer, der Probenentnahmen durch ein Universitätsinstitut zustimmt, durch eine mafiöse „Die Biogas-Lobby“ „in Gefahr geraten“ werde (an Leib und Leben? So klingt das!), muß nicht weiter kommentiert werden.
  • Es haben sich einige andere seriöse Institutionen mit dem Thema befaßt, und diese kommen zu anderen Aussagen.

Seriöse Aussagen…

… zur Krankheit

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat Ende April eine „FAQ“ zum Thema „Ausgewählte Fragen und Antworten zum chronischen Botulismus“ herausgebracht, aus dem ich zwei Zitate herausgreifen möchte (dort finden sich mehr Informationen für Interessierte):

„Die beschriebenen Krankheitsbilder sind bislang wissenschaftlich nicht gesichert. Als Ursache wird eine Toxiko-Infektion mit Clostridium (C.) botulinum vermutet, die bis heute als nicht bestätigt gilt.“ (Quelle: bfr.bund.de)

und

„Lebensmittelbedingte humane Erkrankungen durch Botulinumtoxin wurden bisher stets mit dem Verzehr verarbeiteter Lebensmittelerzeugnisse in Verbindung gebracht, in denen die Bakterien die Möglichkeit hatten, sich zu vermehren und unter Sauerstoffausschluss Toxine zu bilden. Nach Bewertung der vorliegenden Daten kommt das BfR zu dem Schluss, dass Lebensmittel kein Risiko für eine Auslösung des chronischen (viszeralen) Botulismus beim Menschen darstellen.“ (Hervorhebung von mir. Quelle: bfr.bund.de)

… zum Infektionsweg Biogasanlage

Das BfR, das ja kein privatwirtschaftliches Institut ist, sondern ein Amt der Bundesrepublik Deutschland, stellt fest:

In Klärschlamm und Gärresten wurden zwar auch pathogene Clostridien-Stämme nachgewiesen, es konnte aber keine Vermehrung der Stämme festgestellt werden. Es ist davon auszugehen, dass in Klärschlamm und Gärresten eine Mischflora vorherrscht und dass das Wachstum von C. botulinum durch die Anwesenheit anderer Mikroorganismen gehemmt wird. (Quelle: „Viszeraler Botulismus: Sachverständigengespräch im BfR„, Bundesinstitut für Risikobewertung 2010, S. 1)

Das kann man sich wohl vorstellen wie bei einem Stück Rohmilchkäse aus einer handwerklichen Alm-Käserei. In nicht pasteurisierter Milch mit einer kunterbunten Bakterien-Landschaft wird durch Impfung und optimales Einstellen der Umweltbedingungen auf die Bedürfnisse des oder der erwünschten Mikroorganismen ein populationsdynamischer Prozeß in Gang gesetzt, an dessen Ende einige Organismenstämme sich durchgesetzt und aus der Milch die jeweilige Käsespezialität gemacht haben und andere Stämme, die Verderbnis oder geschmackliche oder gesundheitliche Beeinträchtigungen verursachen, auf ein Minimum zurückgedrängt oder ganz verschwunden sind.

Es stellt sich die Frage, ob durch Biogasanlagen überhaupt eine Vergrößerung des Problems entstanden ist. Denn Gülle wird ja schon seit Jahrzehnten ausgebracht, und generell sind Böden in landwirtschaftlich genutzten Gegenden flächendeckend von gesundheitsgefährdenden Clostridium-Keimen bevölkert – ohne daß dies in der Vergangenheit zu Krankheitsfällen geführt hätte.

So scheint auch das geringe Interesse der Forschergemeinde an dem Thema begründet zu sein. Professor Klaus Doll, Leiter der Fachgruppe Rinderkrankheiten der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG):

„Die meisten Wissenschaftler schätzen dieses Thema als nicht sehr relevant ein. Sie waren daher bislang auch nicht bereit, ihre Forschungsanstrengungen darauf zu konzentrieren“ (Quelle: kompost.de)

Mein Fazit: mehr Wissen kann nicht schaden, aber es besteht kein konkreter Grund, sich aufzuregen und so zu schreiben, wie die Presse es tut, z.B. Wild und Hund: „Tod aus der Biogasanlage„.

Schlußbemerkung zum Thema Lobbyismus

Ja, es gibt eine Biogas-Lobby, und diese hat gewissermaßen laut Satzung kein Interesse an Negativ-Schlagzeilen. Es fällt jedoch auf, daß es sich bei den Verfechtern der Botulismus- bzw. EHEC-Hypothese um Tierhygiene-Wissenschaftler wie Böhnel und ihre ehemaligen Studenten und/oder Drittmittel-Geber handelt wie Tierärzte und deren Vereinigungen (z.B. die Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) im münsterländischen Horstmar-Leer, auf deren Konferenzen Böhnel spricht) und private Labore (z.B. Bernd Schottdorf, der Gründer von Schottdorf MVZ, dem größten privaten Medizinlabor Europas, der sich zusammen mit dem AVA-Gründer Ernst-Günther Hellwig in der WELT zum Thema EHEC und Biogas äußert). Ich will niemandem etwas unterstellen, aber daß diese Tierhygieniger, Tierärzte und Labore sagen wir von einer obligatorischen Untersuchung von Gärsubstrat auf Clostridium botulinum, EHEC und so weiter profitieren würden, liegt auf der Hand. Wer würde denn solche Untersuchungen, gegen eine angemessene Gebühr, durchführen? Die„Göttinger Erklärung“ der AVA „äußert unsere große Besorgnis“ und „fordert Forschungsprojekte“, in bestem Lobbyisten-Stil.

Fritz Feger (agroblogger.de)

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